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08.11.2011, Filip Zirin

Die Konsequenz der Vernetzung

Die Finanzindustrie gerät unter Druck. An verschiedenen Ecken und Enden des Finanzsystems brechen Krisenherde auf. Das aktuellste Beispiel ist die Affäre um einen UBS-Banker in London. Auf den erste n Blick sind das Singuläre Ereignisse. Ob dem wirklich so ist, hat ICT in Finance Klaus Peter Rippe gefragt. Er ist Professor für Praktische Philosophie an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe und hat permanente Lehraufträge an der Fachhochschule Nordwestschweiz im Bereich Wirtschaftsethik.

ICT in Finance: Im letzten Heft von ICT in Finance wurde das Hochfrequenz-Trading thematisiert. Mein Fazit: Der Computer liefert genau das, was er soll, doch über die Nebeneffekte macht man sich erst jetzt Gedanken.
Klaus Peter Rippe: Beim Investmentbanking erleben wir seit 40 Jahren eine wahnsinnige Beschleunigung. Das heisst: Um die Möglichkeiten auszuschöpfen, ist man auf den Computer angewiesen. Es ist zwar für jeden einzelnen Akteur rational, den Computer zu verwenden, doch wenn es alle tun, ergeben sich unangenehme Nebeneffekte. Blasen sind nichts Neues, doch heute entstehen sie viel schneller.

ICT in Finance: Prägen die Möglichkeiten des Computers den Handel auf den Märkten? Manchmal scheint mir, dass sich die Gesellschaft den Computern anpasst, nicht umgekehrt.
Klaus Peter Rippe: Es gibt die Tendenz, nur noch in technischen Lösungen zu denken. Aber das ist nicht das eigentliche Problem, sondern die Tatsache, dass die Gesellschaft in bestimmten Bereichen der Wirtschaft riskantes Handeln immer honoriert hat. Doch heute liegt durch die Vernetzung des Finanzsystems und die gegenseitige Absicherung das Risiko nicht mehr beim einzelnen Unternehmen, sondern bei der Gesellschaft. Der Computer deckt dabei lediglich das Problem auf.

ICT in Finance: Hat sich mit der Verwendung der Informatik also das Problem eigentlich nur akzentuiert?
Klaus Peter Rippe: Ja, das ist ein altes Strukturproblem. Auch früher gab es schon Blasen, doch war weder die gesamte globale Struktur betroffen noch das Tempo so hoch. Heute füttern die Menschen die Computer und programmieren die Algorithmen. Dann ziehen sie sich aber aus dem Handel zurück und die Möglichkeit nachzudenken oder abzuwägen, gibt es so nicht mehr.

ICT in Finance: Wenn niemand mehr nachdenkt oder abwägt, dann ist auch die Verantwortlichkeit nicht geklärt.
Klaus Peter Rippe: Früher war der Bankier eine besonders verantwortungsvolle Person. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat die Branche bewusst damit begonnen, junge, risikofreudige Leute in die Banken zu holen. Ihnen wurden Ziele gesteckt und Belohnungssysteme versprochen, die das Risiko entschädigen. In einem zweiten Schritt hat man dann die neue Generation in die zweite Reihe verschoben und überliess das Handeln komplett den Computern. Deswegen wird die Verantwortung auf dieser Ebene komplett negiert. Das wäre aber kein Problem, wenn die Verantwortung auf der nächst höheren Ebene getragen würde. Würde, wohlgesagt.

ICT in Finance: Stattdessen wird gerne, so wie jetzt im Fall UB S London wieder, der kriminelle Einzeltäter ins Scheinwerferlicht geschoben und der Fall ad acta gelegt ...
Klaus Peter Rippe: Es ist bedauerlich, dass gleich von Anfang an diese Strategie gefahren wurde. Eigentlich sollte man die Untersuchungen abwarten. Es wäre möglich, dass diese Person, abgesehen vom Versuch, mit unerlaubten Mitteln ihr Defizit wieder auszugleichen, nicht mehr oder weniger Risiken eingegangen ist als die anderen und einfach nur kein Glück hatte. Wäre das der Fall, müsste das System als solches überdacht werden.

ICT in Finance: Computer und Märkte haben eine Gemeinsamkeit: Sie werden gerne vermenschlicht. Wieso neigen wir Menschen dazu?
Klaus Peter Rippe: Zu Gegenständen baut der Mensch eine emotionale Beziehung auf. Komplexe Systeme werden hingegen als Organismen mit bestimmten Eigenschaften gesehen. Das Problem ist, «den Markt» gibt es nicht, nur sehr viele Akteure. Es gibt auch kein System, welches durchschaut und beherrscht werden könnte, denn der Handelnde ist immer die einzelne Person. Wenn also jemand von dem Markt spricht und behauptet zu wissen, wie er funktioniert, dann weiss er nicht wovon er spricht.

ICT in Finance: Geht es dabei um Komplexitätsreduktion?
Klaus Peter Rippe: Es ist eine alte Angewohnheit der Menschen, soziale Systeme funktional und als Einheit zu betrachten. Dabei wird aber übersehen, dass einerseits viele Einzelpersonen involviert sind, und diese nicht nur rational hinsichtlich der Erreichung eines Zieles handeln. Es kommen Emotionen, unterschiedliche Risikoeinschätzungen und Zieldifferenzen ins Spiel. Damit wird das ganze System weniger durchschaubar und weniger prognostizierbar. Auch wenn das Verhalten der Trader und Banker, ob nun elektronisch oder menschlich, stark zum einfachen Verhaltensmuster «Geld ist gut und mehr Geld ist besser» neigt, ist die Summe des Marktes trotzdem keiner einheitlichen Logik unterworfen.

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